In der Nachtbar

Franz Weninger
In der Nachtbar

Müde schon sitzen fünf Mädchen rund um einen Tisch und sprechen nichts. Seitlich ist eine gläserne Theke und im Hintergrund der Aufgang zu den Zimmern.
In der Mitte des Raumes tanzt eine Dame langsam und schon etwas müde Striptease. An der gläsernen Theke links sitzt John allein und trinkt einen Cocktail.
Die Musik und der Striptease, beherrschen allein eine Zeit lang die Zeit. Dann kommt eine schöne Mulattin zu John und sagt: „Darf ich mich jetzt zu dir setzen »
John hierauf: „Ja, jetzt schon. Aber du weißt, dass ich wenig Geld habe. Nur einen kleinen Schaumwein kann ich dir spendieren. Und sprechen will ich auch nicht viel. »
Der Barmann stellt die kleineSchaumwein-Flasche vor dem Mädchen, das neben John Platz genommen hat, auf die Theke.
Die Mulattin sagt zu John: „Warum willst du nicht sprechen? »
John: „Weil ich nur wenig Lust zum Sprechen habe »
Das Mädchen hierauf: „Du schaust nur dem Striptease zu »
John: „Ja. Doch ich weiß nicht, ob mich das wirklich interessiert »
Das Mädchen darauf: „Worauf wartest du, das passieren sollte ? »
John: „Das wird man sehen… »
Schweigen.

An einem Tisch nebenan, nicht weit von der Tür, welche die Nachtbar vom Vorraum trennt, sitzt ein ungefähr fünfzigjähriger Mann, 2 ausgetrunkene Flaschen Schaumwein und eine fast leere Whiskyflasche vor sich und schaut auch auf die Tänzerin in der Mitte. Dann dreht sich sein Blick, als die Animierdame neben John Platz genommen hat, hinüber zu den beiden. Er sieht eine Weile hin, dann entschließt er sich aufzustehen. Zwar betrunken, doch noch seine Schritte kontrollierend, kommt er her und setzt sich neben John. Er sagt zunächst nichts.
Kellner: „Was wünscht du? »
Hiroshige: »Meine Whiskyflasche? »
Kellner: „Holen sie dir selber. Außerdem müsstest du wissen, dass du an der Bar etwas Neues konsumieren musst. »
Hiroshige: „Whisky mit Soda »
Der Kellner serviert schweigend das Getränk.
John schaut weiter dem Strip zu, mustert aber immer mehr Hiroshige, der auf sein Glas mit Whisky-Soda schaut.
Die Animierdame: „Soll der neben uns sitzen? »
John: „Ja, ich will, dass er dableibt. Vielleicht ist er das, was passieren soll. »
Schweigen.
Hiroshige (redet halb zu sich selbst, halb zu John)
„Ich bin ein nichtswürdiger Mann, ein Hinterhofadvokat, der den Gaunern gegen andere Gauner hilft. Ich trinke jeden Tag viel, doch bei den Verhandlungen bin ich niemals betrunken, sprühend gewinne ich auch die überwiegende Mehrheit meiner Prozesse – doch das ist eigentlich ohne Bedeutung – alle sind sie Gauner, die ich vertrete und die ich übers Ohr haue. Im übrigen macht ohnedies alles meine Sekretärin, die richtet alles her und dann der zweite bei mir angestellte Rechtsanwalt. »
Animierdame: „Hiroshige, wie kennen Deine Geschichte, du musst sie uns nicht wieder erzählen. »
John: „Lass ihn nur reden, mich interessiert das »
Animiermädchen: „Jetzt wird er gleich von seiner Tochter erzählen »
Hiroshige: „So schnell kommt das nicht. Da gibt es eine Frage: „Was fliegt wie ein Vogel? » Das ist mir jetzt eingefallen. also: „Was fliegt wie ein Vogel? »Animierdame:
„Glaubst du etwa, wenn du betrunken bist, dass Deine Tochter wie ein Vogel fliegt. »
Hiroshige: „Nein, die ist kein Vogel. »
Animierdame: „Na, ein Flugzeug fliegt auch oder ein Gespenst… Ist das die Antwort? »
Hiroshige: „Eben ein Vogel fliegt wie ein Vogel, nur ein Vogel fliegt wie ein Vogel »
Kellner: „Und das soll ein Witz sein? »
Hiroshige: „Das ist kein Witz, doch die Wahrheit, die einzige Wahrheit.
Jeder sagt was anderes, probieren Sie es aus, junger Mann: der ein sagt: ein Flugzeug, der andere sagt vielleicht ein Papierflieger, eine Taube.. »
Kellner: „Aber eine Taube ist doch ein Vogel »
Hiroshige: „Mit dir rede ich zwar nicht, doch das stimmt. »
Schweigen.

Hiroshige: „Wie heißen Sie, junger Mann? »
John: „John »
Hiroshige: „Ich bin Dr Hiroshige, ein Rechtsanwalt. »
Schweigen.
Hiroshige:
„Ja, jetzt rede ich von meiner Tochter. Sie ist zu Hause, sie liegt im Bett, sie ist sehr krank, sie wird nie mehr gesund, sie wird sterben. Doch heute noch nicht, deshalb konnte ich in die Bar gehen und trinken und mir die Strips ansehen. Bumsen tue ich hier aber nicht. Nie, das wissen die Mädchen. Manche sagt mir, wohl aus Mitleid, dass ich in ihrer Freizeit mal mit ihr bumsen könnte, ohne was zu bezahlen. Doch ich lehne das ab. Ich bin aber kein Voyeur. Ich sehe nur gerne zu, wenn die lieben Damen sich tanzend entkleiden. Die Damen hier sind auch nett. Es gibt auch von Zeit zu Zeit Abwechslung, weil manche weggehen und neue kommen.
Doch bald kennen alle meine Geschichte. Und die meisten hören mir auch gerne zu, aber sie sagen, dass ich immer das gleiche erzähle, trotzdem hören sie mir immer wieder zu.
Wollen Sie, junger Mann, meine Geschichte hören? Sie kennen sie ja noch nicht. »
John:
„Ja, Sie können sie mir erzählen »
Hiroshige:
„Meine Tochter liegt im Bett, ausgezehrt. Sie ist 17 Jahre alt, doch sie wird sterben. Immer wieder muss sie in Krankenhaus, dann geht es ihr wieder eine Zeit lang besser, sie kann dann sogar aufstehen, dann kommt sie auch wieder nach Hause, doch später wird es wieder schlechter, dann muss sie wieder ins Krankehaus.
Im Krankenhaus besuche ist sie nicht. Dorthin geht nur meine Frau. Ich kann durch den Eingang des Krankenhauses nicht hindurchgehen, da würde ich ohnmächtig werden oder ich müsste mich so betrinken, dass ich nicht weiß, wo ich bin. Doch als Betrunkenen würde man mich nicht durch den Eingang des Krankenhauses lassen.
Doch meine Tochter schickt mir aus dem Krankenhaus Ansichtkarten mit ein paar Worten darauf, die sie entweder selbst oder meine Frau darauf schreibt. Ich schicke ihr auch Ansichtskarten ins Krankenhaus. Anrufen will ich nicht. Ich will ihre Stimme aus dem Krankenhaus nicht hören. Die letzte Ansichtskarte, die sie mir aus dem Krankenhaus schickt, ehe sie wieder nach Hause gekommen, hebe ich immer auf, bis sie wieder das nächste Mal ins Krankenhaus kommt. Dann werfe ich diese letzte Karte weg und warte auf neue Ansichtskarten.
Da sehen sie, die letzte Ansichtskarte aus dem Krankenhaus.
Und da: das ist ein Photo meiner Tochter, ehe sie erkrankte. Sie ist wie ein Engel. Sie ist die strahlende Sonne. Sie ist eine Melodie, die nie vergehen sollte. Doch die Sonne geht unter, jede Melodie kommt zum Schlußton, und der Schlusston der Melodie, die meine Tochter ist, wird verklingen, ehe der Schlussakkord meines eigenen Lebens verklungen ist.
(Er packt John am Arm und rüttelt ihn) Soll ich mich zu Tode saufen, soll ich mich zu Tode saufen, junger Mann? »
John: „Das hilft auch nicht, ihre Tochter stirbt trotzdem, außerdem braucht sie ihre Tochter noch. »
Hiroshige:
„Aber ich will vor ihr verschwinden. Wenn sie nicht mehr das ist, überfällt mich eine unendliche Verzweiflung, vor der ich schon heute furchtbar Angst habe. Diese Angst jagt mich den ganzen Tag, wie auch das Wissen um meine Gemeinheiten mich den ganzen Tag jagt.
Ich bin ein Lügner. Ich habe meine Frau nicht geliebt. Obwohl ich sie nie betrogen habe, außer mit Freudenmädchen. Das Vögeln mit Freudenmädchen war meine einzige sinnliche Liebe zu einer Frau.
Doch meine Kind, meine Tochter, die liebe ich wirklich, mit meiner Seele. Meine Frau konnte ich erst mögen, als sie mir die Tochter geboren hatte, als das Kind in ihr gezeugt war, das war sie mir dann recht, da begann ich sie zu mögen, doch nicht wirklich lieben. Ja, Vater sein, aber warum Vater sein – das ist ein Instinkt, der in mir steckt, nicht weil ich meine Gene weitergeben wollte. Die Gene sind sekundär. Ich wollte vielmehr einen neuen Menschen schaffen, dessen Schlafen und Wachen ich begleite. Mein Engel, mein Augenlicht sollte er sein in dieser Welt, die ich hasse. Ja, ich hasse diese Welt, darum wählte ich mir als Rechtsanwalt immer Gauner, die gegen andere Gauner antreten. Keine Mörder, die sind uninteressant, die verstehen sich nur aufs Umbringen und das ist nicht spannend. Wenn sie einen erschossen haben, ist ja der Spaß zu Ende. Aber die notorischen Gauner, die an andere Gauner geraten, die führen die Welt vorwärts. Es ist eine großes Vergnügen, wenn man einen Gauner, von dem man ganz genau weiß, dass er der größere Gauner ist, frei bekommt und der andere ins Kittchen kommt.
Krieg und Mord, die sind banal, das ist nur verbranntes Gelände – doch die Gaunerei, das ist die Seele der Welt, die Gaunerei ist der Atem und die Seele der Welt.
So wie ich ein Gauner bin, der seine Frau immer begaunert hat mit jedem Geschlechtsakt, mit jedem Kuss, mit jedem Blumenstrauß.
Übrigens, die Blumen, die ich ihr brachte, nachdem unser Kind geboren war, habe ich gar nicht ihr gebracht. Ich habe meine Frau freundlich, liebevoll angelächelt und dabei gedacht: Nicht für dich, nur für das Kind sind diese Blumen. Aber vielleicht liebe ich doch auch meine Frau, nur weiß ich es nicht. Diese Liebe zu meiner Frau ist vielleicht in meiner Seele ein versteckter Schatz, der irgendwo vergraben liegt, den ich aber nicht finden kann, weil mir die Karte mit der Markierung, wo dieser Schatz liegt, fehlt. »

Animierdame:
„ Hiroshige, Deine Geschichten kenne ich zwar auswendig, aber ich mag dich (beugt sich hinüber und gibt ihm einen flüchtigen Kuss). Ich will dir helfen und mache dir einen Vorschlag: Du kannst mit mir bumsen, wir lassen uns vorher untersuchen, ob wir gesund sind und nicht Aids haben, dann nehmen wir kein Kondom und ich nehme auch keine Pille. Und ich will einige Monate hier aufhören und keinen Kerl haben. Den Verdienst-Entgang aber musst du mir bezahlen. Du kannst jeden Tag mit mir bumsen, aber saufen sollst du nicht so viel, damit es auch funktioniert. Ich werde meine Abmachung einhalten. Dann werde ich schwanger und vielleicht hast du wieder ein Kind, auch wenn Deine Tochter sterben sollte. Vielleicht muß du auch zum Arzt gehen, damit er dir Hormone gibt, damit es sicher funktioniert. »
Hiroshige: „Und das Kind gibst du mir dann zur Adoption? »
Animierdame. „Das glaube ich nicht. Ich glaube, ich werde das Kind lieben. Meine Muttergefühle werden da sein. Dass ich dir das Kind übergebe, verspreche ich dir nicht, aber du kannst es von Zeit zu Zeit sehen. »
Hiroshige: „Dann heirate ich dich. »
Animierdame: „Ein Mann, der mich nur wegen des Kindes heiratet , nur damit er bei seinem Kind sein kann, der mich aber nicht liebt, interessiert mich nicht, auch wenn ich eine Hure bin. »
Kellner:
„jetzt reicht’s aber, gehe endlich nach Hause, Hiroshige, geh nach Hause zu deiner kranken Tochter. Zahl und geh und nimm Deine halb geleerte Whiskyflasche mit »
Hiroshige zahlt wortlos, nimmt seine Whiskyflasche und geht.

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