Das Paket. Microdrama

Das Paket 

 

Microdrama von Franz Weninger

 

 

Figuren: Ram n

 

Pilar

 

 

Ein Zimmer, darin ein Canapé, ein Tisch, 2 Fauteuils, im Hintergrund ein breites Fenster mit Blick auf einen See. Zwei wände sind angedeutet. An einer der Wände hängt ein großer Spiegel, an der anderen ein Bleistiftzeichnung. Man hat von diesem Raum den Eindruck von einer in die Landschaft gestellten Theaterkulisse. Pilar sitzt in einem der Fauteuils, auf dem Tisch vor sich ein Gals Champagne. Leise Musik

 

 

 

Pilar:

Die Blätter fallen von den Bäumen. Wir steigen auf die Blätter. Der Wind weht die Blätter zum Fenster herein. Wenn ich das Fenster schließe, könnte ich glauben, dass ich den Herbst zusperrte. Doch er dringt durch jede Fuge.

 

Stille.

Dann klopft es.

  

 

 

Pilar:

Wer ist da ?

Eine männliche Stimme (Ram n):

Ich bin es.

Pilar:

Alle sind wir ich. Das Ich des Nachbarn. Das Ich Darios. Das Ich des Kohlenhändlers im Winter. Das Ich des Sonnenanbeters. Wer bist Du?

 

Männliche Stimme (Ram n):

 

 

 

Die Welt voll von unzähligen Ichs und eines davon bin ich.

Pilar:

Jetzt erkennen ich Dich. Du bist Arcadio

 

Man hört das Geräusch eines sich öffnenden Tür. Ein distinguierter Herr, elegant in dunkelblauem Anzug mit Krawatte tritt ein. Er ist Mitte 50 und ein in blaues Papier eingewickeltes Pakt bei sich, dass er später auf den Tisch legt.

 

 

Ram n:

Ich bin nicht Arcadio. Ich bin ein anderer

.

Pilar eilt auf ihn zu. Sie umarmt ihn.

       

Ram n:

Armanda ! Wie lange haben wir uns nicht gesehen.

Pilar:

Eine lange Zeit. Jahrhunderte

Ram n:

Ja. Jahrhunderte!

Pilar:

Doch ich bin nicht Armanda.

Ram n:

Wir haben uns nie gesehen. Wir sind uns nie begegnet.

Pilar:

Wo warst Du in all dieser Zeit, Alfonso?

Ram n:

ich habe viele Menschen in all den Jahrzehnten kenngelernt. In portugiesischen Karavellen habe ich die Welt umsegelt und bin mit Handelskarawanen durch die Sandstürme der Sahara gezogen. Ich habe die Mündungen des Amazonas gesehen und die Hügelgräber der koreanischen Kaiser. Ich habe Schritte auf dem Mond getan, bin Begleiter Trotzkis in Exil und Buchhalter Rockefellers gewesen. Ich habe Freunde getroffen und Freunde verloren. Ich habe mich in Frauen verliebt und sie verlassen.

Doch Du, wo warst Du all die Zeit ?

Sie haben sich, während das Vorhergehende gesprochen wurde, schon in die beiden Fauteuils niedergesetzt. Ram n hat das Paket vor sich auf dem Tisch abgestellt.

 

 

 

Pilar:

Ich war immer hier. Aber Du hast mich nie gesucht!

Ram n

(senkt den Blick).

Ja. Du hat recht. Ich habe Dich nie gesucht, Remedios.

 

Pilar:

 

 

Du bist aufrichtig, Pablo. Das gefällt mir an Dir.

 

 

 

Ram n

:

Ich habe immer die Wahrheit gesagt, auch wenn eine Lüge von Nöten gewesen wäre. Ich will mich nicht rechtfertigen, indem ich Dir sage, dass ich Dich ja gar nicht suchen konnte, weil ich nicht wußte, dass es Dich gibt. Ich gebe zu, dass ich nie an Dich danken konnte und damit genug.

Doch das ist jetzt vorbei. Ich habe Dich gefunden. Was ist aus Deinem Mann geworden, um dessentwillen Du mich verlassen mußtest ?

Pilar:

 

 

Er ist noch vor unserer Hochzeit abgereist, ich habe ihn nie wieder gesehen. Dann jedoch habe ich bemerkt, dass es ihn nie gegeben hat.

 

Ram n:

 

 

Wenn man etwas bemerkt, ist es oft schon zu spät.

 

Pilar:

 

 

Sie erwartet Dich ?

 

 

 

Ram n

:

Nicht mehr. Sie hat mit einem Koffer alter Zeitungen den Zug bestiegen und ist verschwunden

.

Pilar:

 

 

Aus Deiner Stimmer klingt Traurigkeit. Es ist, als ob Du sie beweinen würdest.

Ram n:

 

Ich habe sie vergessen. Und ich kann dies beweisen.

( er nimmt eine große Brieftasche heraus und entnimmt ihr ein Dokument und reicht es ihr)

Zwei Staatsanwälte, ein Richter und ein Bürgermeister bestätigen, dass ich sie

vergessen habe.

 

Sie studiert das Dokument, wobei er ihr nervös zusieht. Dann reicht sie es ihm wieder. Er steckt es wieder in seine Brieftasche. Einige Blätter wehen zum Fenster herein und bleiben auf und vor dem Canapé liegen. Ram n steht auf, bückt sich, hebt eines der Blätter auf und sieht es an.

 

Ram n:

 

 

 

Das Blatt ist schön. Es gleicht ganz Dir, Young Hee. Ich will es aufbewahren und immer bei mir tragen.

(Er nimmt wieder die Brieftasche heraus und legt das Blatt hinein)

Wenn der Frühling kommt, wird es wieder zu Leben erwachen, wird es grünen! Du wirst sehen!

 

Pilar:

 

 

Sagst Du das, um mir zu schmeicheln?

 

Ram n:

 

 

Ich sage nie Schmeicheleien.

 

Pilar zeigt auf das in blaues Papier gewickelte Paket, das auf dem Tisch liegt.

 

Pilar:

 

 

Was ist in diesem Paket?

 

Ram n

(steht auf und nimmt das Paket an sich)

 

Oh, bloß Bücher, die ich bestellt habe. Ich habe sie vorhin von der Post abgeholt.

 

Pilar

(lächelt)

 

Du willst etwas vor mir verbergen, Garcia.

 

Ram n

(verlegen)

 

Nein, Rhea ! Das Paket ist ganz unwichtig.

 

 

 

Pilar:

 

 

 

Das Paket ist die Hoffnung. Du sehnst Dich nach ihr, doch Du weißt nicht, ob sie Dich zu sich rufen wird. Du bist vor ihr geflohen, als sie Dich verlassen wollte. Doch in diesem Pakt lebt Deine Sehnsucht, vielleicht ihre Briefe, die vielleicht nicht mehr als ein wirrer Traum sind.

 

Schweigen.

Pilar steht auf, geht auf ihn zu, umarmt und küsst ihn. Er stellt das Paket wieder auf den Tisch zurück , kniet sich vor ihm nieder, presst seinen Kopf wie ein Kind an ihren Schoß

( seine Körperhaltung entbehrt nicht der Komik)

 

Pilar

(streichelt seine Haare und flüstert, alsob sie ein verzweifeltes Kind beruhigen wollte):

 

Du brauchst Dich nicht zu schämen. Wir tragen alle unsere Hoffnung in einem Paket mit uns herum

.

Jetzt läutet das Telephon. Ram n macht sich los, begint das Paket, das mit einer Schnur umwickelt ist, hastig zu öffnen.

Pilar

(leise und beruhigend):

 

Soll ich Dir helfen?

 

Ram n scheint ihr aber nicht zuzuhören, öffnet weiter das Paket entnimmt ihm ein großes Telephon, das weiter heftig läutet, stellt das Telephon auf den Tisch und nimmt schließlich den Hörer ab.

 

Ram n:

 

 

Hallo… ja… oh, Du bist es.

 

Ram n hört bewegt zu. Pilar kehrt zu ihrem Fauteuil zurück und beginnt wieder von ihrem Champagne zu trinken. Ihr Gesicht nimmt eine traurige Miene an.

 

Ram n:

 

 

Du hast an mich gedacht! …………. Viel Zeit ist vergangen. ……. Ich kann nicht mehr dorthin zurückkehren, wo ich einmal war.

 

Er lauscht wieder einige Zeit, ohne etwas zu sagen.

 

 

Ram n:

 

 

Ich habe immer an Dich gedacht. Ich wollte Dich vergessen, doch ich konnte nicht………. Wir sind uns von neuem begegnet? …. Bist Du noch Du oder schon eine andere. …. Ja, ich komme.

(Er hört wieder länger zu) Ja, sofort.

Er hört noch einige Sekunden zu und legt dann den Hörer auf. Schweigen. Er gibt schweigend das Telephon wieder in die Schachtel hinein, umwickelt diese mit dem blauen Packpapier, gibt die Schnur herum und geht mit dem Paket in den Händen zur Tür.

 

Ramon

(dreht sich bei der Tür noch einmal leise in Richtung Pilar um; leise):

 

Verzeih mir Pilar.

 

Pilar:

 

 

Geh nur, Ram n. Es ist schon spät. Verliert Dein Paket nicht. Vielleicht wird morgen das Telephon wieder klingeln.

 

Während sie das letzte sagt, ist Ram n grußlos gegangen.

 

 

 

Vorhang

 

 

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Un commentaire pour Das Paket. Microdrama

  1. Maik dit :

    Wahnsinns Beitrag.Habe einige gute Denkanstoesse gekriegt. Freue mich schon auf neue Beiträge.

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